LOVE IS STRANGE – Liebe geht seltsame Wege (NRW-Premiere) + Interview

Das Filmfest homochrom 2014 präsentierte den neuen Berlinale-Beitrag von Teddy-Gewinner Ira Sachs (KEEP THE LIGHTS ON) mit der Oscar-Preisträgerin Marisa Tomei sowie John Lithgow und Alfred Molina (THE NORMAL HEART) als wirklich süßes, alterndes Paar:

LOVE IS STRANGE
– Liebe geht seltsame Wege

(NRW-Premiere)

(USA 2014, 96 min, Regie: Ira Sachs, OmU)

 
Alte Liebe rastet, aber rostet nicht.

 
Sa 18/10/14, 14:30, Filmforum NRW, Köln
Do 23/10/14, 17:30, Schauburg Dortmund

"John Lithgow und Alfred Molina stehlen unsere Herzen als schwules Paar... "Love Is Strange" fühlt sich nie weniger als authentisch an." – schreibt Branchenblatt Variety

 
Ben (der zweifach Oscar-nominierte John Lithgow) und George (Alfred Molina aus "Chocolat" und THE NORMAL HEART) sind seit fast 40 Jahren ein Paar. Als endlich die Homo-Ehe in New York erlaubt wird, geben sich die beiden Männer das Ja-Wort. Jedoch haben sie nicht bedacht, dass der Musiklehrer George von seinem katholischen Arbeitgeber dafür gefeuert werden könnte. Ohne sein Einkommen kann sich das frisch vermählte Paar ihre gemeinsame Wohnung in Chelsea nicht mehr leisten. Notgedrungen teilen sie sich erst mal auf: George zieht auf die Couch eines befreundeten schwulen Polizistenpaar (Cheyenne Jackson und Manny Perez), Ben kommt bei der Familie seines Neffen Elliot unter. Während George in seiner neuen Bleibe kaum zur Ruhe kommt, fühlt sich Elliots Frau Kate (Marisa Tomei) bald von Onkel Ben genervt...

 
"Von der Toleranz im Gesetz und der Akzeptanz im Herzen. Vom Älterwerden, vom Leben zu zweit und von der Wahlverwandtschaft. Als wäre das ganze Leben bloß eine warme Erinnerung." – Frédéric Jaeger für Critic.de

 
Warum wir LOVE IS STRANGE mögen:
Das Außergewöhnliche an dem Film ist, wie gewöhnlich, d.h. alltäglich die Geschichte ist. Dass das Paar schwul ist, ist bedeutend, aber die Geschichte reduziert sich und das Paar nicht darauf. Und was für ein süßes alterndes Paar Alfred Molina und John Lithgow abgeben! Mit beeindruckender schwuler Beiläufigkeit, mit zärtlicher Unbeschwertheit und ohne Pathos werden hier allgemeingültige Themen wie Langzeitpartnerschaft und Familie verhandelt. Regisseur Ira Sachs gelingt mit seinem 1,2 Mio. Dollar teuren Indie-Film etwas, an das sich Hollywood so nicht wagen würde.

Nebendarsteller John Cullum war auch in KILL YOUR DARLINGS zu sehen, Cheyenne Jackson in LIBERACE und Sebastian La Cause in KEEP THE LIGHTS ON und BEARCITY. Produzent Jim Lande war ebenfalls an beiden Teilen von BEARCITY beteiligt, andere Produzenten wiederum an "Beginners", HOW TO SURVIVE A PLAGUE, MY PRIVATE GO-GO und ALEX & ALI.

 
"Oben gehalten durch bemerkenswerte Leistungen von John Lithgow und Alfred Molina dient Love Is Strange als anmutige Hommage an die Schönheit des Hingabe im Angesicht von Widrigkeiten." – 97% frisch bei Rotten Tomatoes

 
Festivalteilnahmen:
Sundance, Berlinale, Tribeca, Karlovy u.v.a

nominiert für 4 Spirit Awards: Bester Film, Hauptdarsteller (John Lithgow), Nebendarsteller (Alfred Molina) und Drehbuch

 

 

 


 

Interview zu LOVE IS STRANGE


Zur internationalen Premiere von LOVE IS STRANGE bei den Filmfestspielen in Berlin traf sich Martin Wolkner zum Interview mit sowohl dem Regisseur und Ko-Autor Ira Sachs (rechts), der für seinen vorherigen Film KEEP THE LIGHTS ON den begehrten Teddy Award gewann, wie auch mit Hauptdarsteller John Lithgow (links), der in über 40 Jahren Schauspielkarriere schon mehrere nicht-heterosexuelle Rolle gespielt hat und zweimal für den Oscar nominiert wurde. Und weil parallel zur Berlinale die Olympischen Spiele im russischen Sotschi stattfanden, war dieses Thema unvermeidlich.

 

Interview Ira Sachs

Martin: Ich möchte etwas zur Eröffnungssequenz fragen. Die besondere Art, wie Sie die Charaktere einführen, warum haben Sie das so gewählt?
Ira Sachs: Ich mag es, Geschichten so zu erzählen, dass das Publikum sich in ihnen finden muss. Es ist ein Prozess in Bewegung und das Publikum holt ihn ein, während es Teil jener Welt wird, die der Film porträtiert. Ich glaube auch, dass sich das Paar von selbst sehr einfach offenbart, wie sie sich für etwas fertig machen und wie sie miteinander umgehen. Es gibt einen französischen Regisseur, der mich sehr beeinflusst hat. Was ich von ihm lernte, ist, dass man einen Film aus Mitten erstellen kann statt Anfängen und Enden. Darum ist es alles eine Reihe von Ereignissen, die man nebeneinanderstellt, was dem Film die Bewegung gibt. Ich glaube, der Film beginnt in Bewegung. Außerdem gibt es ein musikalisches Element, eine Prelude zum Film, die Einführung von Chopin.

Martin: Sie haben letzte Nacht von der Lebensphase gesprochen, in der Sie waren, als Sie den Film drehten. Steht dies in Verbindung zum Filmthema?
Ira Sachs: Ja. Ich bin im mittleren Alter. Es ist ein Film über Perspektiven, multiple Perspektiven. Einerseits das Paar, das der Zeit ins Auge blickt, und die endende Generation, das Älterwerden. Sie haben auch eine Weisheit und ein Annehmen, das damit einhergeht. Es gibt die Charaktere von Marisa Tomei und Darren Burrows und deren Paar steckt genau in der Mitte. Sie streiten sich und sind verwirrt, worum es eigentlich geht. Und dann ist da der Junge, der entdeckt und nichts ist vorher bekannt. Er sieht viele Sachen zum ersten Mal. Ich glaube, der Film ist eine Geschichte des Erwachsenwerdens in vielerlei Aspekten. Jemand sagte, es sei ein Erwachsenwerden für jedes Alter, das die Charaktere haben.

Martin: Apropos Erwachsenwerden, Ihre Generation war Zeuge, dass man im Kino schwule Liebesgeschichten erzählen kann, ohne hervorheben zu müssen, dass es eine schwule Liebesgeschichte ist. Was gibt Ihnen das, diese Entwicklung gesehen zu haben?
Ira Sachs: Wenn Sie sich Pasolini, Fassbinder, Visconti oder Proust ansehen, da war das auch schon möglich.

Martin: Aber es war immer eine Haupteigenschaft.
Ira Sachs: Ich sehe das nicht so. Als Geschichtenerzähler versucht man einfach, den Charakteren gegenüber authentisch zu sein. Wenn ich ein guter Filmemacher oder Romanautor sein möchte, müsste ich die Charaktere als volle menschliche Wesen sehen und ihre Sexualität ist Teil von ihnen, wie bei jedem von uns. Ich glaube, der große Unterschied liegt darin, was im Film geschieht. Diese Figuren leben in einer Welt, in der es keine Schande wegen ihrer Sexualität gibt. Das ist es. Das ist tatsächlich neu, und wäre bei Fassbinder und Proust nicht wahr gewesen: die Abwesenheit von Schande. Das ist es, was bei Fragen der Ehegleichheit bedeutsamer ist, als viele erkennen. Das erlaubt es. Es ist ein Symbol der Gleichheit, dass es keinen Grund zum Verstecken gibt. Und diese Charaktere verstecken sich nicht.

Martin: Nicht verstecken... Das ist das zweite Mal, dass Sie mit Autor Mauricio Zacharias zusammenarbeiten, der "Madama Satã" geschrieben hat, der zweite schwule Film hintereinander. Wie sieht es mit einem dritten aus? Wird die Zusammenarbeit fortgesetzt?
Ira Sachs: Wir arbeiten an einem neuen Film. Wir erachten ihn als dritten Teil einer New-York-Trilogie und er könnte "Three Sisters" heißen. Er handelt über einen Zeitraum von 20 Jahren von vier Geschwistern. Es ist ein Familienepos in New York. Möglicherweise wird er auch queer sein. Wir sind beide daran interessiert, Geschichten über Menschen zu erzählen, die wir kennen, und das schließt gewiss auch homosexuelle Menschen mit ein.

Martin: New York scheint ein sehr anständiger Ort für Homosexuelle zu sein. Wir haben alle von Russland gehört, wo Schwule gewalttätig verprügelt wurden. Darauf lag ein großer Fokus während der Olympischen Spiele.
Ira Sachs: Wir zeigten den Film beim Sundance vor einigen Wochen und der Schauspieler, der Vlad spielt (Eric Tabach), er ist 16 und gerade erst vor einem Jahr von Russland in die Staaten gezogen. Er sprach vor dem Publikum sehr eloquent darüber, wie wesentlich es für ihn war, in einem Film mitzuspielen, der entgegengesetzt ist zu dem, was momentan in seinem Land passiert. Es ist interessant, dass sie diese Unterdrückung haben und dennoch so international von den herrschenden Mächten des Handels und Sports empfangen werden. Alle denken, es ist wirklich schlimm, und doch sind alle aufgetaucht.

Martin: Glauben Sie, dass der Film trotz der Anti-Homo-Propaganda-Gesetze einen Verleih in Russland bekommen wird?
Ira Sachs: Ich würde annehmen, ja. Ich finde es nur sehr traurig, was in Russland geschieht. Aber Putin ist auf vielen Ebenen eine tragische Figur für die Welt.

Martin: Man darf LGBT-Filme einer erwachsenen russischen Bevölkerung zeigen, aber man kann die Vorstellung nicht normal bewerben.
Ira Sachs: Es ist, als sei man im Mittelalter.

Martin: Haben Sie die Demonstrationen in Frankreich gegen die Homo-Ehe gesehen? Die sind extrem. Haben Sie Angst, dass das zurückkommt?
Ira Sachs: Ich glaube, dass es eine Generationsverschiebung gibt und dass es einigen Menschen fremd ist – oder dass sie vorgeben, dass es ihnen fremd sei. Ich glaube, das stimmt für die jüngere Generation nicht, und dass die Veränderung der letzten 10 Jahre Kraft und Inspiration geben.

Martin: Der Westen hat seine Meinung zur Homo-Ehe geändert, aber dann kommt dieses Zitat von dem Duck-Dynasty-Typen, Phil Robertson, und plötzlich scheint man zwei Amerikas zu sehen: Es gibt New York und Los Angeles und dann die Mitte Amerikas, die vollkommen anders denkt.
Ira Sachs: Ich glaube, der Film spiegelt Wahrheit wider für Menschen in vielen Städten rund um die Welt. Die Ähnlichkeit von Charakteren verschiedener Herkunft teilen doch eigentlich recht viele. Das ist das Positive an der Globalisierung: die Globalisierung von Möglichkeiten. Wir haben Obama gewählt. Das schon an sich ist unglaublich – außer dass es doch glaubwürdig ist.

Martin: Können Sie über die Rolle von Chopin im Film sprechen, dessen Musik beinahe ein Charakter für sich ist?
Ira Sachs: Mauricio brachte das Prelude hinein. Als ich damit vertrauter wurde, hörte ich mehr von Chopin und erkannte, dass es sehr erzählend und rührend ist. Die Geschichte von Filmmusik stammt aus der Musikgeschichte. Wenn man Chopin hört, könnte es alles… Es ist das Beste! Ich bin an Musik interessiert, die mit dem Film, aber auch losgelöst funktioniert – somit auf zwei Ebenen. Dies ist auch ein Film über Schönheit. Das sind zwei Männer, die behaglich und natürlich… Sie sind an Kunst auf ganz natürliche Weise interessiert und ziehen etwas daraus. Das funktioniert auch fürs Publikum: Es gibt eine Freunde an diesen Bildern, die Gemälde, die Musik, und das ist Teil des Erlebnisses.

Martin: Ist es auch eine Liebeserklärung an New York?
Ira Sachs: Ich habe dort 25 Jahre lang gelebt und ich kenne die Stadt zutiefst auswendig. Ich versuche, sie nicht zu ästhetisieren, aber ich versuche zu bemerken, was an ihr einmalig und schön ist. Wir waren zudem sehr beeinflusst von Woody Allen und fanden, dass er die Stadt nicht besitzt. Es ist nicht die Carnegie Hall, sondern die Bar Julius. Es war ein Versuch eines Ensemblefilms, der auch die Vielfalt der Stadt anspricht. Aber ich glaube, Chopin funktioniert ähnlich wie Gershwin in Manhattan und man hört tatsächlich Chopin und Gershwin. Wir dachten: "Wow, das könnte Manhattan sein." Aber am einflussreichsten waren "Hannah und ihre Schwestern" und "Ehemänner und Ehefrauen", beide waren Historienfilme und sie waren beide sehr wunderbar.

Martin: Beide waren auf Beziehungen und deren Psychologie konzentriert.
Ira Sachs: Ja. Als ich gefragt wurde, was mir am besten an meinem Film gefiel oder worauf ich am stolzesten war, lautete meine einfache Antwort: die Komplexität – insoweit, als dass es ein romantischer Film ist. Aber ich denke, es geht auch um die Unvollkommenheit von Intimität, familiäre und gemeinschaftliche Intimität. Der humanistische Aspekt ist die Akzeptanz dieser Unvollkommenheiten.

Martin: Es ging viel darum, sich einer Situation zu beugen. Ich denke an zwei Situationen im Film: als erstes die Trennung, aber sie kämpfen nie sehr stark darum, wieder vereint zu sein. Sie richten sich ein, wo sie sind. Zudem wir George gefeuert und ich dachte: Warum kämpft er nicht zurück? Gibt es keine Anti-Diskriminierungsgesetze? Gibt es Ausnahmen für Kirchen?
Ira Sachs: Für mich haben George und Ben etwas sehr Bescheidenes und diese Demut ist verbunden mit ihrem Widerwillen oder ihrer Unfähigkeit, das Recht zu Kämpfen anzunehmen. Das sind diese Männer nicht. Ich ging während des Drehs durch das Village und sah ältere Paare, homo- wie heterosexuelle. Ich nahm sie auf Video auf, folgte ihnen, stalkte sie, um ehrlich zu sein, und schickte es John und Alfred Molina. Da war einfach was an der Akzeptanz in diesem Alter, das völlig anders ist als das, was in einem Film über eine Gruppe von Kämpfern erzählt wird. Sie sind keine Kämpfer. Sie versuchen, dass es funktioniert – wie viele von uns.

Martin: Was glauben Sie, können wir von ihnen als Paar lernen?
Ira Sachs: Ich schrieb diesen Film aus der Erfahrung einer Beziehung heraus, meine erste, in der ich aufblühte, statt zu zerstören. Ich glaube persönlich, das kam aus der Ehrlichkeit, meinem Partner gegenüber ich selbst zu sein. Das ist vermutlich diese Abwesenheit von Schande, das ist, was neu ist. Das Potential, ich selbst zu sein, gibt mir einen Sinn, älter werden zu können mit einem gewissen Maß an Fülle des Selbst. Es ist außerdem ein Film über Jahreszeiten, über das Verständnis, dass sie begrenzt sind und dass wir alle nur eine bestimmte Zeit lang hier sind. Diese Schönheit kann es uns überstehen lassen. Schönheit ist auch, wie wir eine Beziehung zu anderen herstellen, wir sitzen hier am Tisch und sprechen miteinander. Diese sehr vergängliche Erfahrung, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Ich hoffe, davon spricht der Film.

Martin: Sie sagten, all ihre vorherigen Beziehungen waren zerstörerisch. Bedeutet das, dass sie ein zerstörerischer Mensch sind?
Ira Sachs: Nein, nicht... (Zögern, Gelächter) Ich bin hin und her geworfen. Ich glaube nicht, dass ich es bin. Ich habe 2010 geheiratet, habe Kinder, Zwillinge, und ich habe viel in meinem Leben, das es wert scheint zu bewahren. Ich bin mir also wohl bewusst, was auf dem Spiel steht. Eine gesunde Beziehung bedeutet zu wählen, bestimmte Dinge zu schätzen, für die man andere Dinge aufgibt. Ich bin immer mehr dazu fähig und das ist hoffentlich Teil der Weisheit, die das Alter bringt.

Martin: Danke für das Interview.

 

Interview John Lithgow

Martin: Hallo.
John Lithgow: Ich bin John. Was möchten Sie wissen?

Martin: Das ist nicht direkt zum Film, aber als Vorbereitung zum Interview erfuhr ich, dass Sie illustrierte Kinderbücher schreiben. Das wusste ich bisher noch nicht.
John Lithgow: Das ist so eine Art geheimer Nebenjob, Kinder zu unterhalten, und ich habe neun Bilderbücher gemacht. Ich illustriere sie nicht selbst, sondern habe mit Illustratoren zusammengearbeitet. Mein Herausgeber möchte, dass ich illustriere, aber ich finde das respektlos gegenüber guten Illustratoren. Aber ich gebe auch Kinderkonzerte, mache CDs für Kinder. Kinder sind ein wundervolles Publikum und ein wunderbarer Gegenpunkt zu Erwachsenen.

Martin: Wie ist das gekommen? Hat das mit Ihren Kindern begonnen oder schon vorher?
John Lithgow: Ich habe eine 10 Jahre jüngere Schwester. Wir sind vier Geschwister, aber ich bin der drittälteste und sie ist die jüngste. Ich war wie ihr dritter Elternteil. Ich habe sie unterhalten, dann kamen meine eigenen Kinder und ich unterhielt sie. Ich brachte mir selbst die Gitarre bei, damit ich für sie spielen konnte. Aber niemand weiß davon außer kleine Kinder und deren Eltern. Aber sie sind gut, Bestseller-Bücher.

Martin: Das ist auch gute Übung fürs Schauspiel, weil Kinder doch ein recht hartes Publikum sein sollen.
John Lithgow: Sie sind sehr hart, aber prächtig. Wenn man Erwachsene unterhält, sucht man immer nach der Aufhebung von Zweifeln, damit sie wenigstens für eine Sekunde vergessen, dass sie Kunstfertigkeiten betrachten. Aber Kinder haben kein Verständnis davon. Sie glauben, dass sie die Realität sehen, dass es absolut echt ist. Stellen Sie sich vor, Sie könnten diese Reaktion von Erwachsenen bekommen. Manchmal schaffen Sie das, wenn sie vor Schrecken schreien, aber das hält nur eine Nanosekunde vor. Sofort sind wie wieder zurück an dem Punkt, von Ihrer Vortäuschung zu wissen. Kinder wissen nicht, dass Sie nur vorgeben.

Martin: Welche Reaktionen hatten Sie mit diesem Film?
John Lithgow: Nun, ich habe bislang nur in zwei Vorstellungen gesessen, Sundance und hier, und es war eine außergewöhnlich warme Reaktion. Die Leute scheinen sich gut mit dem Film zu verbinden. Es war sehr, sehr befriedigend. Man kann es nie genau wissen, aber ich hatte den Eindruck, dass jeder... Was haben Sie davon gehalten?
Martin: Sehr süß, sehr berührend.
John Lithgow: Wir machen das, weil wir die Leute berühren wollen und hoffentlich ihr Bewusstsein und Toleranz und Akzeptanz geringfügig erweitern.

Martin: Wie war es für Sie, sich selbst im Film altern zu sehen?
John Lithgow: Ich fand das extrem traurig. (lacht) Ich weinte, weinte über meinen eigenen Tod. Sehr seltsam, und wahrscheinlich ein bisschen pervers. Aber nein, ich sehe meinem Vater sehr ähnlich, der vor 10 Jahren verstarb. Das finde ich wirklich seltsam. Auf der anderen Seite ist es ein interessantes Privileg als Schauspieler, diese Empfindungen zu erleben. Ich bin mir sicher, Sie haben das nicht, Sie sind jung, und werden vermutlich nie die Erfahrung haben, Ihr eigenes hohes Alter durchzuspielen. Das ist sehr interessant. Meine nächste Rolle wird König Lear auf der Bühne sein und muss gute 15 Jahre älter sein, als ich jetzt bin. Aber das werde ich nicht selbst sehen.

Martin: Wenn Sie Ihren eigenen Tod auf der Leinwand sehen, denken Sie über Ihr bisheriges Leben und Ihre Karriere nach? Auf welchen Teil Ihrer Karriere sind Sie am stolzesten?
John Lithgow: Nun, ich weiß nicht. Es sind nicht einzelne Dinge, sondern dass ich so eine Vielfalt an Dingen machen konnte. Ich könnte 20 Dinge auflisten, für die ich Komplimente auf der Straße bekommen könnte, alle sehr verschieden. Und das freut mich am meisten. Was war noch mal Ihre andere Frage?

Martin: Schauen Sie jetzt mehr auf Ihr Leben zurück?
John Lithgow: Nein, ich bin nicht sicher. Ich fand einen Aspekt des Films am bewegendsten: der Junge Joe, gespielt von Charlie Tahan, wenn er am Ende im Treppenhaus steht und weint. Der Moment. Und das Schöne, was Ira machte, war, sich viel Zeit mit dieser Einstellung zu nehmen. Weil man den Eindruck bekommt, es schwant ihm, wie wichtig ihm diese Menschen waren, besonders sein Onkel. Es erinnert mich an... Ich identifiziere mich so sehr mit ihm. Es gibt diese Momente im Leben, wenn man erkennt, wie wichtig ein Mensch oder eine Erfahrung gewesen ist, und man einfach von Gefühlen überwältigt wird. Das ist ein einzigartiger Moment im Film, das zu leisten. Es ist schön, an mein Leben zurückzudenken und sich an einzelne Auftritte und Kollegen zu erinnern. Ein englischer Freund und Kollege erzählte mir einmal von dem Bild, das er von seiner eigenen langen und abwechslungsreichen Karriere hatte: eine Spinne, die ihr Netz aus ihrem Hinterteil heraus webt und dieses unglaubliche Ding hinter sich erschafft, das er aber nie sieht – bis es alles getan ist, er sich umdreht und sich dieses außergewöhnliche, wunderschöne, symmetrische Muster ansieht. Es trägt eine wundervolle Logik in sich. Und die Befriedigung, die eine Spinne fühlen muss, wenn sie das geschafft hat, damit identifiziere ich mich. (lacht)

Martin: Ich hoffe, ich bewege mich nicht auf schlüpfrigem Boden, aber Sie sind doch verheiratet, oder?
John Lithgow: Ja.
Martin: Behandeln Sie Ihre Frau mit derselben berührenden, so süßen Zärtlichkeit?
John Lithgow: Ja. Ja, das tue ich wirklich.
Martin: Aber sie ist nicht hier, um das zu bestätigen.
John Lithgow: Sie widerspricht allem, was ich sage. (Gelächter) Sie ist eine sehr schwierige Frau, aber wir himmeln uns gegenseitig an. Alfred und ich sind beide sehr lange verheiratet und wir wissen alles über die Ehe, all ihre Schwierigkeiten, ihre Herausforderungen, ihre Uneinigkeiten. Meine Frau und ich streiten manchmal wie Katzen. Man kann keine ehrliche Langzeitbeziehung spielen, ohne anzuerkennen, wie schwer es manchmal ist: kleine Gewohnheiten, kleine Verärgerungen. Und wir beide fordern unbewusst unsere Ehe heraus, das zu erlangen. Es ist interessant. Einige heben die Augenbrauen, weil dies eine schwule Ehe ist. Aber Sexualität ist überhaupt keine große Angelegenheit. Wenn man 40 Jahre lang zusammen war, ist das überhaupt keine große Sache. Viel wichtiger ist einfach der Kontakt, die Qual, nicht zusammen einzuschlafen, nicht zusammen sein zu können. Wegen der Entfernung zwischen ihnen wollen sie so dringend wieder zusammen sein. Ich erinnere mich sehr an dieses Gefühl. Ich telefoniere drei Mal am Tag mit meiner Frau, wenn ich weg bin. Sie ist neun Stunden entfernt. Ich rief sie um 8:30 heute Morgen an und sagte: "Guten Morgen, Liebling." Und es war kurz vor Mitternacht dort. Aber ich schaffe es nicht über den Tag ohne diese kleinen Momente des Kontakts. Und so ist ihre Beziehung. Sie verlassen sich auf die Gegenwart des anderen, und wenn nicht Gegenwart, dann Kontakt. Das macht diese Telefonate so süß. Es ist nicht notwendigerweise ein Film über Homo-Ehe, sondern einfach über Ehe, über Liebe nach 40 Jahren. Und das sieht man nicht sehr häufig.

Martin: Ich habe Ira mehr oder weniger dieselbe Frage gestellt. Es war seltsam für mich, diese Ambivalenz des Nichtkämpfens zu sehen.
John Lithgow: Das stimmt. Beide Charaktere haben so eine Art von Passivität, mein Charakter Ben sogar mehr. Er ist ziemlich passiv, mit sich selbst beschäftigt. Er ist Künstler, er denkt über seine Kunst nach. Und sie akzeptieren ihr Los auf eigentümliche Art. Sie gehen sofort an die Arbeit, versuchen ein Apartment und einen neuen Job zu finden, aber sie leben getrennt, bis sie Fuß fassen und alles wieder zusammenkommt. Sie kämpfen nicht. George kämpft nicht, seine Arbeit zu behalten, er nimmt es nicht gegen die katholische Kirche auf, versammelt nicht alle Schüler. Aber das passiert tatsächlich. Wir hören momentan diese Geschichten, dass verheiratete schwule Männer von katholischen Schulen gefeuert werden wegen der katholischen Doktrin. Was passiert? Die Schüler erheben sich, stellen Petitionen und Proteste auf, Eltern wettern, es gibt einen großen Aufschrei. Wir hätten diesen Film machen können – aber das ist nicht der Film, den wir gemacht haben. Die Kündigung Georges ist einfach der auslösende Moment, die Geschichte ihrer Liebe und Verbundenheit zu erzählen. Außerdem sind sie schwule Männer, die seit 40 Jahren zusammen sind. Das heißt, sie haben ertragen, Bürger zweiter Klasse zu sein, sie mussten es hinnehmen. Das war eine Gegebenheit in der Gesellschaft. Erst jetzt ändert es sich. Also nein, sie sind keine Kämpfer. Sie ertragen.

Martin: Dieser Film erforscht auch, was es heißt, in die Privatsphäre anderer Menschen einzudringen. Man kann gut befreundet oder Familie sein, aber es gibt einen Punkt, wo man sich zu nahe kommt.
John Lithgow: Ja, das finde ich etwas Gutes an dem Film, dass es nicht nur um die beiden geht. Marisa Tomei ist fabelhaft. Cheyenne Jackson und Manny Perez in ihrer verrückten Welt. Das gibt dem Film seine Textur, sein Gewicht, dass es um weit mehr geht als diese Liebesbeziehung. Es geht um Liebe in vielen, vielen Formen mit vielen Figuren und vielen Geschichten, die erzählt werden. Meine absolute Lieblingsszene darin ist, wenn ich weiterrede, während Marisa versucht zu arbeiten. Das ist so eine wundervolle, wundervolle Szene. Und sie war genauso toll geschrieben. Im Drehbuch war ich begeistert von der Szene, weil ich genau wusste, was vor sich geht.

Martin: Jeder kennt dieses Gefühl.
John Lithgow: Ja. Es ist: "Verdammt, wann wird er einfach weggehen?" Und trotzdem wird er geliebt. Einen Charakter zu spielen, der sowohl geliebt wird als auch unglaublich verärgernd ist, ist einfach toll. Denn wir kennen alle solche Personen.

Martin: Haben Sie gesehen, wie schwule Männer in Russland zusammengeschlagen wurden?
John Lithgow: Nein, nein. In Russland?

Martin: Was denken Sie über die Situation in Russland?
John Lithgow: Oh Junge, das ist eine große, große Frage. Ich möchte glauben, dass sich die Lage dort auch verändert. Wie kann man in der globalen Gemeinschaft sein, wo Dinge sich so sehr verändern, und sich der Veränderung völlig verweigern? Ich weiß nicht. Es wird interessant sein zu sehen, ob dieser Film die Kruste knacken kann und überhaupt in Russland gezeigt wird. Und wenn er gezeigt wird, welchen Effekt wird er haben? Ich habe nie gewalttätige Homophobie verstanden. Gegen was genau sind die Leute? Homosexualität zu akzeptieren, fügt niemanden Schaden zu. Es fügt viel mehr Schaden zu, Homosexualität abzulehnen. Alles, was es tut, ist einigen Leute mehr Respekt zu geben, die diesen Respekt und Akzeptanz nicht gewohnt sind. Ich muss denken, dass sich Dinge im Laufe der Zeit ändern. Es verändert sich überall sonst.
Martin: Es scheint eine Blasen um Städte wie New York oder Berlin zu geben im Kontrast zu Ländern wie Russland...

John Lithgow: Ja, ich glaube, es ist ein radikaler Film außerhalb dieser kleinen Zentren, und ich bin gerne in radikalen Filmen. Das Schöne ist, dass es so ein sanfter radikaler Film ist. Ich sage gern über den Film: "Er ist außergewöhnlich darin, gewöhnlich zu sein." Um Himmels Willen, es gibt homosexuelle Paare in Russland, alte schwule Männer, die es irgendwie geschafft haben, ihre Beziehung aufrechtzuerhalten. Jeder weiß das. Sie mussten so heimlich sein. Wie furchtbar es ist, andere Menschen dazu zu zwingen, ein Geheimnis über Jahre und Jahre zu wahren. Wie lautet die Formulierung: "Der Bogen der Menschheit neigt sich zur Freiheit"? Nun, der Bogen der Menschheit neigt sich zur Toleranz und Akzeptanz. Es braucht einfach seine Zeit. Ich finde es nur eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Grausamkeit, Menschen zu einem Geheimnis zu zwingen, ein Geheimnis, das so zutiefst persönlich ist. Wir alle haben Sexualität. Was, wenn wir alle heimlichtuerisch und beschämt wegen unserer sexuellen Triebe sein müssten? Um Himmels Willen, es ist Teil unserer Biologie. Es ist schön zu denken, dass dieser Filme meinerseits eine kleine Geste für Akzeptanz ist.

Martin: Danke auch Ihnen für das Interview.